Hintergrund zum Hörspiel ‚Das Sonnenblumenhaus‘

Das Sonnenblumenhaus.
Hörspiel und Gespräch mit dem Autor am 14. Dezember im AZ Conni

Anfang der 1990er Jahre wurde Nachwende-Deutschland von einer Welle bis dahin nicht gekannter Gewalt gegen Menschen, die als „nicht zugehörig“ betrachtet wurden, überzogen. Die Namen von Städten wie Hoyerswerda, Mölln oder Rostock-Lichtenhagen sind unauslöschlich mit den Gewaltexzessen gegen Asylsuchende und andere eingewanderte Menschen verbunden. Doch haben die Ereignisse jener Tage in die kollektiven Erzählungen über das „neue Deutschland“ Eingang gefunden? Bekamen jene, die damals Ziel des rassistischen und nationalistischen Mobs waren, eine Stimme in diesen Erzählungen? Was wissen Menschen, die zu dieser Zeit noch gar nicht geboren wurden, über die Pogrome der 1990er Jahre? Findet sich das hässliche Gesicht des in den 1990er Jahren wiederauferstandenen deutschen Nationalismus in den Geschichtsbüchern, mit denen die heutige Generation von Schüler*innen aufwächst? Wohl keine dieser Fragen lässt sich guten Gewissens positiv beantworten. Und: was haben die Ereignisse von vor fast 25 Jahren mit denen von Schneeberg, Heidenau und Freital in der jüngsten Vergangenheit zu tun?

Das „Sonnenblumenhaus“, ein Wohnblock im Rostocker Plattenbaugebiet Lichtenhagen, erlangte im Sommer 1992 traurige Berühmtheit. Tagelang belagerte und attackierte ein Mob von Neonazis und rassistischen Anwohner*innen zuerst die „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber“ (ZAst) und – nach deren Räumung – das in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter*innen. In der Nacht vom 24. zum 25. wurde das Gebäude in Brand gesetzt, der Feuerwehr die Zufahrt blockiert. Die sich zu diesem Zeitpunkt über 100 im Haus befindenden Menschen – unter ihnen Kinder, Babys und hochschwangere Frauen – litten Todesangst, hofften vergebens auf Hilfe und konnten nur durch eigenes Handeln ihr Leben retten. Dennoch erhielten die meisten von ihnen später kein Aufenthaltsrecht in Deutschland und wurden abgeschoben.

Der in Hamburg lebende Theaterregisseur, Schauspieler und Sänger Dan Thy Nguyen hat gemeinsam mit dem Filmemacher Iraklis Panagiotopoulos die Geschehnisse jener Nacht im Theaterstück „Das Sonnenblumenhaus“ verarbeitet, aus dem auch ein Hörspiel entstand. Hierin wurde die Sicht der belagerten Menschen, die bis dahin kaum erhört wurden, verarbeitet, ihren Lebenserfahrungen und Träumen Raum und ihnen selbst endlich eine Stimme gegeben.

Dan Thy Nguyen wird zur Aufführung des Hörspiels am 14. Dezember 2016, 20:30 Uhr im AZ Conni persönlich anwesend sein und zum anschließenden Gespräch zur Verfügung stehen. Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen der Dresdner gruppe.cartonage, Bildungswerk Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen und der Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen e.V. im Rahmen des Projekts ‚Migration-Flucht-Bildung. Bildungsorte einer sich öffnenden Stadt‘.

Das Projekt wird aus Mitteln der Richtlinie ‚Integrative Maßnahmen‘ des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz gefördert.


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